Habakuk Traber
   
 

„Gleichgültig, ob man es liebt oder ablehnt: die Mischung aus Bauchorgel, Schoßharmonium und Kniemundharmonika bleibt einzigartig” (Mauricio Kagel). Stimmt, doch die Avantgarde hats spät begriffen. Das Instrument war vorbelastet, muffig verstrahlt. In seinen Falten nistete der beschränkte Biedersinn, das Bildungsspektrum zwischen „Muß i denn” und „Schneewalzer”.

Nur in der Arbeiterbewegung quetschte man für den Fortschritt die Diatonik des Klassenkampfes: schwarz und weiß die Tasten, rot der Text. War Astor Piazzola mit seinem avancierten Bandoneonspiel, der dem populären Hohnern Hohn versprach und dadurch andere provozierte und inspirierte?

Auf jeden Fall schaffte das Akkordeon den Durchbruch in die Moderne, und Teodoro Anzellotti weiß ihn wie kein anderer zu zelebrieren - ob in Vinko Globokars „kleinem Drama zwischen zwei sich ergänzenden Aktionen (Ziehen/Drücken, Einatmen/Ausatmen, Nehmen/Geben), in Helmut Zapfs Nachtstück, das hier Premiere hat, in Berios Transkription zweier Violinduette für das dehnbare und preßbare Tasteninstrument, in Walter Zimmermanns Versuch, „die Paradoxie der Ineinanderverschränktheit des Vielen und des Einen zum Klingen zu bringen”, oder in den Episoden/Figuren von Mauricio Kagel: „Man schmunzelt unfreiwillig, wenn man über das Akkordeon nachdenkt.

Es ist, als ob alle Stücke, die darauf gespielt werden, ihre Wurzeln entweder in der Volks- oder in der Unterhaltungsmusik hätten. Diese vorprogrammierte Mißdeutung ist mir nicht unlieb: eine neue Neue Musik bräuchte viele solche Klangerzeuger” (Kagel).

   
 
« zurück